Bericht aus Yeldegirmeni von Onur Atay

Als Istanbuler, der sich daran gewöhnt hat, die Stadt von der anatolischen Seite aus zu betrachten, habe ich eigentlich das Glück, dass ich ziemlich weit weg bin von all den Menschenmassen und dem Lärm der alten Halbinsel. Ich verbringe meine Zeit häufig im Viertel in dem ich wohne, nämlich in Yeldegirmeni, einem alten und vergleichsweise rauen Teil des glänzenden Kadiköy. Trotz seines grundlegenden Charakters als Sommerquartier der alten Istanbuler Bevölkerung des vorigen Jahrhunderts, ist Kadiköy in den letzten zehn Jahren zu einem Brennpunkt für Kreative, Künstler*innen, Musiker*innen oder Menschen geworden, die sich an den Werken dieser erfreuen und ihre Zeit in deren Umfeld verbringen.

 

Yeldegirmeni kann jedoch leicht von Kadiköy abgegrenzt werden, da es immer noch als ein benachteiligter Ort dargestellt wird, welcher jahrhundertealte Gebäude mit Rissen an der Fassade aufweist. Und zudem hat es alte und griesgrämige Bewohner*innen und eine unzureichende städtische Infrastruktur. Auf der anderen Seite ist das Viertel auch nach den pandemischen Beschränkungen immer noch sehr beliebt, und es entstehen immer noch neue Orte, wie eine metaphorische Keule der Gentrifizierung, die die alten Bewohner dazu bringt, das Viertel zu verlassen, sobald sie die Chance dazu haben.

 

Ich bin nicht in Yeldegirmeni aufgewachsen. Aber nach acht Jahren im Viertel sagen mir die Leute auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkauf "Guten Morgen grosser Bruder" oder "Ich wünsche dir gute Geschäfte Bruder". Es gibt mir immer ein heimeliges Gefühl, wenn man bei einem normalen Spaziergang in der Nachbarschaft jemanden grüßen kann.

 

Als ich hierherzog, arbeitete ich als Architekt und Manager für die örtliche Verwaltung. Mich inspirierte die historische Bausubstanz in Yeldegirmeni. Dann aber ging ich langsam dazu über, nicht nur die baulichen Gegebenheiten zu bewundern, sondern auch die Menschen zu genießen. Auch wenn das Viertel von vielen als "Hipster-Magnet" kritisiert wird, bringt die Mischung aus Neuankömmlingen (offen gesagt, ich gehöre auch zu denjenigen) und Alteingesessenen etwas Wertvolles mit sich, das anderswo nicht so leicht zu finden ist.

 

Die Ladenbesitzer, die den schnellen Veränderungen widerstehen können, bleiben mit ihren Geschäften, während viele andere das Viertel verlassen müssen. Dieses Ugleichgewicht bringt etwas Neues auf den Tisch, nämlich das Gefühl einer gescheiterten Gentrifizierung.

 

Ich arbeite schon lange nicht mehr als praktizierender Architekt, aber ich habe an mehreren Projekten gearbeitet, die sich mit Architektur, Stadt und ihrem Ökosystem befassen, meist unter dem Namen unseres kreativen Kollektivs URBAN.KOOP. Yeldegirmeni ist in dieser Beziehung immer inspirierend und anregend, um meinen Horizont weiter zu erweitern. Selbst während der Homeoffice- Zeiten, genügt mir ein kleiner Spaziergang durch das Viertel, um mich zu beruhigen und meinen Geist zu erfrischen.

 

Istanbul ist definitiv eine Stadt, die niemals schläft. Und sie ist wie ein Flickenteppich aus sehr unterschiedlichen Farben, die aus weit entfernten Teilen der Welt stammen; aber Yeldegirmeni könnte eine gute und komprimierte Version dieser urbanen Metapher darstellen.

 

Da wir den größten Teil der Stadt an die Umgestaltung und die nicht enden wollenden Entwicklungsprojekte verloren haben, ist es nicht leicht, in dieser Stadt Ruhe zu finden. Aber es ist immer wieder eine Freude, die kleinen Ausblicke auf den Bosporus zu werfen, während ich meinen Morgenkaffee trinke und ein weiteres digitales Meeting im Café an der Ecke unter unserer Wohnung habe.

 

Onur Atay war der erste Istanbuler Stipendiat und weilte zwischen Mitte August und Mitte November 2018 im Gelben Haus in Luzern. Er ist und bleibt Istanbuluzern als wichtiges Verbindungsglied und Brückenbauer verbunden.

 

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English version Journal Onur Atay
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